Die weithin akzeptierte Theorie von Bardeen, Cooper und Schrieffer (BCS-Theorie) für konventionelle Supraleiter beschreibt das Phänomen mit der Paarung von Leitungselektronen im Impulsraum, wobei Gitterschwingungen (Phononen) die attraktive Wechselwirkung vermitteln. Die Theorie gibt keine Antwort auf die Frage, welche spezifischen Bindungsverhältnisse von ausgewählten Atomsorten in einer gegebenen Struktur für das Auftreten von Supraleitung verantwortlich sind. Ansatzweise wird diese Frage mit Realraumargumenten diskutiert, z.B. von Alexandrov, Ranninger und anderen.
Der supraleitende Grundzustand ist durch das Vorliegen gepaarter Elektronen mit entgegengesetztem Impuls und Spin charakterisiert.
Diese Beschreibung schließt den Grenzfall des in einer chemischen Bindung (oder einem nichtbindenden Elektronenpaar) lokalisierten Elektronenpaares mit entgegengesetzten Spins und verschwindendem Gesamtmoment ein.
Die von uns verfolgte Hypothese für die chemischen Voraussetzungen der Supraleitung und für eine Suche nach neuen supraleitenden Systemen fußt daher auf einem lokalen Bild, in dem eine attraktive Wechselwirkung zwischen den Leitungselektronen durch die Tendenz zur paarweisen Besetzung atomarer oder molekularer Zustände in unmittelbarer Nähe der Fermikante resultiert, ohne daß es zur Lokalisierung kommt. Die Lage dieser Zustände relativ zur Fermienergie hängt dabei empfindlich von spezifischen (dynamischen) Gitterverzerrungen ab (Elektron-Phonon-Kopplung).
Diese Idee läßt sich anhand der Carbidhalogenide SE2X2C2 nichtmagnetischer Seltenerdmetalle erläutern. Bisher wurden die Yttriumverbindungen des Typs Y2X2C2 (X = Cl, Br, I) eingehend untersucht. Auf der Basis der gleichen Idee wurde für die zum neuartigen Ce9Br5(CBC)3 isotype Lanthanverbindung Supraleitung vorhergesagt und experimentell verifiziert.
In den Strukturen der Verbindungen Y2X2C2 (Abb.1) liegen planare Schichtpakete X-Y-Y-X mit dichtester Anordnung der Atome vor. Alle Oktaederlücken innerhalb der Y-Y-Doppelschicht sind durch C2-Einheiten besetzt, zwischen den Schichtpaketen liegen van-der-Waals-Kontakte X-X vor. Y2Cl2C2 und Y2I2C2 einerseits sowie Y2Br2C2 andererseits bilden unterschiedliche Strukturtypen, die sich in der Stapelung unterscheiden (sogenannte 1s- bzw. 3s-Form).
Im Zintl-Klemm-Konzept läßt sich die chemische Bindung durch Verteilung von Bilderbuchladungen in erster Näherung mit der Formel (Y3+)2(X-)2C24- beschreiben. Der gegenüber einer C-C-Doppelbindung verkürzte Abstand (d (C-C) = 128 pm) kann auf eine partielle Entleerung des C-C-antibindenden pi*-Orbitals durch Rückbindung in Y-d-Zustände gedeutet werden. Daraus resultiert elektronische Delokalisierung und (zweidimensional) metallisches Verhalten.
Der experimentelle Nachweis der Supraleitung der Y2X2C2 erfolgte durch Messungen des elektrischen Widerstandes, der magnetischen Suszeptibilität sowie der spezifischen Wärme, hier exemplarisch für Y2I2C2 gezeigt.
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| Abb.2: (a) Spezifischer Widerstand und (b) magnetische Suszeptibilität (im Magnetfeld my0H = 10 G (fc) und im Nullfeld (zfc) abgekühlt) einer Y2I2C2 Pulverprobe. |
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| Abb.3: Differenz der spezifischen Wärmekapazität Delta cp zwischen supraleitendem und normalleitendem Zustand einer Y2I2C2 Pulverprobe. |
Der Übergang in den supraleitenden Zustand wird in der spezifischen Wärme cp (Abb.3) durch eine scharfe Anomalie eines Phasenüberganges zweiter Ordnung begleitet. Die Anomalie kann durch Anlegen eines Magnetfeldes von my0H = 5,5 T unterdrückt werden, so daß sich der Beitrag der Supraleitung zu cp leicht ermitteln läßt.
Die Übereinstimmung der experimentellen Befunde mit dem phänomenologischen Zweiflüssigkeitsmodell ist gut (durchgezogene Linie in Abb.3), im Gegensatz zur Beschreibung mit BCS-Vorhersagen (gestrichelte Linie in Abb.3). Nach McMillan liegt Elektron-Phonon-Kopplung mit einem Kopplungsparameter lambda = 1 vor.
Nach der eingangs vorgestellten Hypothese kommt die paarweise attraktive Wechselwirkung zwischen Leitungselektronen in Y2X2C2 durch deren Tendenz zur Lokalisierung in pi*-Niveaus der quasimolekularen C2-Gruppen zustande. Die Überprüfung dieser Hypothese erfolgt experimentell und rechnerisch.
Für eine chemische Variation der elektronischen und damit supraleitenden Eigenschaften ergeben sich grundsätzlich folgende Wege:
I. Eine Änderung der Gittermetrik durch isoelektronischen Ersatz führt zur Variation der C-Y-Kovalenz. Die Änderung kann (a) im Inneren des Schichtpaketes mit dem Ersatz von Y durch andere (unmagnetische) SE-Metalle oder (b) an der Peripherie durch gegenseitigen Austausch der unterschiedlich großen X-Atome vorgenommen werden.
II. Eine Verschiebung des Ferminiveaus EF relativ zum C2-pi*-Niveau läßt sich wiederum (a) im Inneren des Schichtpaketes mit dem Ersatz von Y durch Ca (Absenkung) bzw. Th (Anhebung von EF) oder (b) durch Intercalation von Akzeptoren bzw. Donatoren in die van-der-Waals-Lücke erreichen.
Wie eingehende Untersuchungen auf dem Weg Ib mit Y2(Cl,Br)2C2, Y2(Cl,I)2C2 und Y2(Br,I)2C2 zeigen, nimmt die Sprungtemperatur von Tc = 2.30 K für Y2Cl2C2 und Tc = 5.05 K für Y2Br2C2 bis zu einem Maximum von Tc = 11.20 K für Y2Br0.4I1.6C2 stetig zu und fällt zum Y2I2C2 (Tc = 9.85 K) wieder ab (Abb.4). Dabei ist bemerkenswert, daß die Änderungen der Stapelung der Schichtpakete im Gang der Tc-Werte nicht erkennbar sind. Dieses Ergebnis spricht für die Annahme, daß der Ursprung der Supraleitung im inneren Y-C2-Y-Bereich der Schichtpakete zu suchen ist.
Auf dem Weg IIb erlaubt vor allem die Intercalation von Alkalimetallen eine Anhebung der Ladungsträgerkonzentration im X-Y-C2-Y-X-Schichtpaket. Über eine topochemische Reaktion von Y2Br2C2 mit Natrium-Benzophenon gelingt eine Einlagerung von Na, und die Verbindung Na0,46Y2Br2C2 zeigt eine um 1,2 K erhöhte Sprungtemperatur von 6,2 K.
Abbildung 5 gibt die für Y2Br2C2 berechnete Zustandsdichte (DOS) mit dem Ferminiveau als Energienullpunkt wieder.
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| Abb.5: Gesamtzustandsdichte (DOS) von Y2Br2C2 relativ zu EF = 0 (links) und schematisches MO-Diagramm das C24--Anions (Ausschnitt) mit Aufhebung der Entartung (monoklines System) (rechts). |
In Übereinstimmung mit dem in Abbildung 5 skizzierten MO-Schema für die freie C2-Gruppe findet man die Abfolge der Bänder mit C2-sigmas*-, -pi- und -sigmap-Charakter unterhalb der Fermikante. Die COOP (crystal orbital overlap population) -Analyse belegt die Annahme, daß das Maximum bei EF zu einem Band mit Y-C-bindendem und C-C-antibindendem (C2-pi*) Charakter gehört.
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| Abb.6: Bandstruktur von Y2Br2C2 (oben) und Ce9Br5(CBC)3 (unten). Als fat bands wurden C2-pi* bzw. CBC-Niveaus angenäherter pi*-Symmetrie dargestellt. Energienullpunkt ist die Fermienergie. |
In Abbildung 6 ist die Bandstruktur in einer Darstellung wiedergegeben, die den Orbitalcharakter der jeweiligen Bandzustände hervorhebt (fat band).
Die Darstellung (Abb.6 oben) macht deutlich, daß zum oberen, dem flacheren der beiden Bänder am Ferminiveau, im wesentlichen C2-pi*- und Y-dxz,yz-Zustände beitragen. Das untere der beiden Bänder mit weitgehend Y-dx2-y2-Charakter hat stärkere Dispersion bei der Fermienergie.
Die Bandstruktur von Y2X2C2 ist durch die Gleichzeitigkeit sehr flacher (Lokalisierung) neben steilen Bändern (Delokalisierung) bei EF gekennzeichnet und liefert damit einen nach unserer Auffassung charakteristischen Fingerabdruck für Supraleitung. Die Energie des flach verlaufenden Bandes reagiert empfindlich auf eine Änderung der C-C-Bindungslänge (Änderung der Lage des pi*-Niveaus) oder eine Neigung der C2-Einheit aus der Y-C-C-Y-Achse (Änderung der Y-d-C2-pi*-Überlappung), wie Rechnungen an entsprechend statisch deformierten Strukturen belegen (Elektron-Phonon-Kopplung).
Der gezeigte Fingerabdruck erlaubt die Suche nach neuen Supraleitern, wie ein Beispiel aus dem in jüngster Zeit von uns untersuchten Carbidborid-System zeigt.
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| Abb.7: Parallelprojektion der Struktur von Ce9Br5(CBC)3 längs [010]; Br-,Ce-, B- und C-Atome sind mit abnehmender Größe gezeichnet. |
Im Rahmen dieser Untersuchungen erhielten wir zunächst die Verbindung Ce9Br5(CBC)3. Die Kristallstruktur ist in Abbildung 7 gezeigt. Ähnlich wie bei Y2Br2C2 liegen Doppelschichten aus Ce-Atomen vor, die durch Schichten von Br-Atomen voneinander getrennt sind. Innerhalb der Doppelschichten befinden sich quasimolekulare C-B-C-Gruppen.
Die chemische Bindung in Ce9Br5(CBC)3 ist formal mit zu SO2 isovalenzelektronischen CBC7--Ionen beschreibbar. In der Zustandsdichte tritt ein scharfes Maximum bei EF auf, und die COOP-Analyse ergibt stark Ce-B-, schwach Ce-C-bindende und B-C-antibindende Wechselwirkungen, d.h. den bei Y2Br2C2 beschriebenen, charakteristischen Fingerabdruck für Supraleitung. Für Ce9Br5(CBC)3 selbst konnte jedoch wegen des magnetischen Momentes von Ce3+ keine Supraleitung erwartet werden. Die daraufhin durchgeführten Experimente waren erfolgreich. So konnte die isotype Verbindung mit dem unmagnetischen La3+-Ion dargestellt werden; La9Br5(CBC)3 zeigt unterhalb 6 K Supraleitung, wie das Verschwinden des elektrischen Widerstandes und das Auftreten diamagnetischer Abschirmung belegen.
Die in Abbildung 6 (unten) wiedergegebene Bandstruktur belegt, daß die kovalente Mischung von BC2-pi*- und La-dxy,xz-Zuständen in Analogie zum Y2Br2C2 zu dem flachen Band bei EF führt, während gleichzeitig Bänder mit vornehmlich La-dy2-x2-Charakter und großem Betrag der Steigung bei EF vorliegen. Trotz chemischer und struktureller Verschiedenheit der Verbindungen weisen die elektronischen Strukturen von Y2Br2C2 und La9Br5(CBC)3 eine sehr große Ähnlichkeit im charakteristischen Bandverlauf um EF auf.
Die vorgestellten Beispiele sind insofern speziell, als sich die Tendenz zur paarweisen Lokalisierung von Leitungselektronen anschaulich mit der Gegenwart quasimolekularer Einheiten im Feststoff verknüpfen läßt. Künftige Untersuchungen werden die Wechselwirkungen der Leitungselektronen in Bandzuständen mit unterschiedlichem Charakter (bindend, nichtbindend, antibindend) auch in ausgedehnten Bindungsverbänden einschließen.
( A.Simon, M.Bäcker, R.Henn, C.Felser, Hj.Mattausch, R.K.Kremer, R.Dronskowski und A.Yoshiasa )
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